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Interview mit Wolfgang Gutberlet

„Wir müssen global denken und lokal handeln! Viele machen heute genau das Gegenteil.“

1973 hat Wolfgang Gutberlet die Leitung des Unternehmens von seinem Vater Theo übertragen bekommen. Im Interview spricht Wolfgang Gutberlet über den Sinn des Wirtschaftens, seine Prägungen als Unternehmer und wie aus einer Nische ein Trend wurde.

Sie haben für das väterliche Geschäft Kartoffeln ausgetragen, als Student die IT eingeführt und leiten tegut... verantwortlich seit 36 Jahren. Was hat Sie als Unternehmer geprägt?
Wolfgang Gutberlet: Geprägt hat mich die 68er-Diskussion, die vor dem Hintergrund der Finanzkrise jetzt wieder hochkommt. Für mich hat sich die Frage nach dem Sinn des Wirtschaftens gestellt, die Frage nach dem Umgang mit Kapital. Damals war die Sorge, dass sich das Wirtschaftsprinzip allmählich in alle sozialen und geistigen Bereiche durchfrisst – und das ist es, was wir heute haben. Ich beziehe den Sinn des Wirtschaftens nicht aus der Existenz von Unternehmen. Den Sinn meines Tuns kann ich nur im Anderen finden. Die Wirtschaft hat keine Selbstberechtigung. Sie hat nur eine Berechtigung aus dem Wenden der Not für andere.

Sie stammen aus einem christlichen Elternhaus. Was bedeutet das für Ihr Verständnis des Wirtschaftens?
Mir stellte sich sehr früh die Frage, ob man die Marktwirtschaft christlich untermauern kann. Die Marktwirtschaft selbst kann gar nicht sozial sein. Ich kann nur sagen: Die Menschen müssen sozial sein. Das marktwirtschaftliche System hat seine Stimmigkeit unter bestimmten Nebenbedingungen. Und auch der Staat hat eine Funktion: Er darf sich nicht ins Wirtschaftsleben einmischen, aber er muss das Rechtsleben aufrechterhalten.

Schlägt das Pendel derzeit nicht in die andere Richtung aus?
Wenn die Pendelausschläge in eine Richtung sehr groß sind, dann sind sie es auch in die andere Richtung. Wir sind sehr weit in das Primat des Wirtschaftsprinzips hineingekommen. Das heißt, dass das Wirtschaftsprinzip in Zukunft sein Primat vollkommen verlieren wird. Wir sehen schon jetzt überall den Verlust der Mitte. In der Wirtschaft verschwindet der Mittelstand, das marktwirtschaftliche Prinzip wird ausgehöhlt. Wir sind dabei, die Planwirtschaft wieder einzuführen.

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel wird von fünf großen Konzernen dominiert. Wie behauptet sich tegut… auf diesem Markt?
Man kann als kleines Unternehmen nicht mit Macht operieren. Wir müssen mit Ideenreichtum operieren und die Nische nutzen. Unsere Nische heißt „gute Lebensmittel“. Man darf das Geschäft nicht unter dem Blickpunkt betreiben, möglichst viel Geld verdienen zu wollen, sondern muss es dahingehend begreifen, für die Menschen eine Not wenden zu helfen. Wir wollen den Menschen gute Lebensmittel liefern. Dabei müssen wir natürlich auch Geld verdienen, um die Existenz zu sichern, aber das ist nicht unser Primat.

Ist das Konzept „gute Lebensmittel“ eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Wirtschaftens?
Wir wissen, dass die Menschen sich in Zukunft mit ihrer Gesundheit beschäftigen werden und dass die Lebensmittel zunehmend wieder kräftigender sein müssen. Dem haben wir uns gewidmet. Inzwischen läuft der Markt hinter unserer Entwicklung her, einen Teil des Trends haben wir gemacht.

Was macht den Unternehmer aus?
Er hat die Aufgabe, etwas zu unternehmen, und nicht, etwas zu unterlassen. Es gibt für ihn drei große Aufgaben: der richtige Umgang mit Kunden, Mitarbeitern und Ressourcen. Zu den Ressourcen gehört nicht nur das Finanzkapital, sondern auch: das Wissen, die Fähigkeiten von Menschen, die Waren, die Natur. Schon während meines Studiums habe ich mich entschieden, anders mit Kapital umzugehen und deshalb das Unternehmen in eine Stiftung überführt. Wir haben in der Familie die Auffassung, dass Unternehmenskapital nicht konsumiert werden kann und dass das Unternehmen deshalb auch nicht verkäuflich ist.

Was bedeutet der richtige Umgang mit Mitarbeitern?
Wir sehen unser Unternehmen als Arbeitsgemeinschaft: Von außen ist es eine Leistungsgemeinschaft, von innen eine Lerngemeinschaft. Es geht darum, Gemeinschaft zu bilden. Das wird immer schwieriger. Überall werden die Elemente des Lernens und Entwickelns der Menschen abgebaut, und wir stehen unter dem wirtschaftlichen Zwang, dies zu finanzieren, wenn andere das in ihren Kosten nicht drin haben. Mein Ziel war es immer, in der Gemeinschaft ein Handeln aus Einsicht hinzubekommen. Und ich weiß auch, wie schwer das ist. Mein Vater hatte immer den Spruch: „Junge, mach’s gern, machen musst Du’s doch!“

Zum Umgang mit Ressourcen gehört, wie Sie sagten, auch die Ökologie. Was verstehen Sie darunter?
Wenn ich verantwortlich bin, und das, was ich in der Welt verbrauche, zu etwas verwandele, das mehr Wert hat als das, was ich vorher hatte, dann habe ich kein Ökologieproblem. Dieses entsteht nur, wenn ich die Sachen vergeude und nicht zu etwas Besserem wandele. Ich muss fragen, ob etwas tragfähig ist und im Sinn des Ganzen eine Fortentwicklung bedeutet.

Geht es also um die Bewertung?
Genau. Ich muss meine Bilanzen nur etwas größer machen und nicht nur im Hinblick auf mein Geldvermögen und meinen Handlungsraum aufstellen. Ich muss global denken und lokal handeln! Die meisten Menschen machen heute genau das Gegenteil. Sie denken nur lokal, nur für ihren Egoismus, nur für ihr Unternehmen. Ein Beispiel: Wir hätten überhaupt keine Probleme mit unserem Gesundheitswesen, wenn wir in die Lebensmittelproduktion die Erhaltung der Volksgesundheit hineingedacht hätten.

Müssen die Menschen erst auf den Bauch fallen, um etwas zu lernen?
Es gibt drei Arten von Lernen: aus Einsicht, aus Überzeugung und aus Schmerz. Aus Einsicht lernen heißt, Ideen zur Wirklichkeit zu machen. Aus Überzeugung zu lernen, ist schwerer geworden, da die Menschen nicht mehr gerne eine Überzeugung haben. Wir sind deshalb auf dem Weg, dass wir den Schmerz immer weiter erhöhen müssen, weil wir nicht aus Einsicht handeln.

Was war für Sie der Lernschritt, der Sie bereits Anfang der 1980er-Jahre Bio-Lebensmittel ins Sortiment aufnehmen ließ?
Gerade mit fünf Kindern stellt sich die Frage: Was essen wir eigentlich? Ein Lebensmittel muss Leben vermitteln. Dies kann jedoch nur ein Lebensmittel, das Leben hat. Der Schritt, Bio-Lebensmittel ins Sortiment zu nehmen, erfolgte also aus Einsicht, nicht aus einer Gelegenheit.

Was wird in Zukunft, neben der Qualität, für tegut… zum Thema werden?
Wenn wir weiter so unfair mit der Landwirtschaft umgehen, werden wir ein echtes Versorgungsproblem bekommen. Dazu kommt, dass wir es uns als Folge der wachsenden politischen Stärke einzelner Länder nicht mehr werden leisten können, Lebensmittel aus aller Welt hierherzuholen. Wir werden nicht mehr in der Lage sein, unseren Hunger zu exportieren, sondern werden ihn behalten.

Welchen Aufgaben wollen Sie sich künftig widmen?
Es ist die Aufgabe eines älter werdenden Menschen, seine Zeit immer mehr für pädagogische, vermittelnde Tätigkeiten einzusetzen, als für kämpferische Tätigkeiten. Ich werde versuchen, meine Zeit zunehmend für die Weitergabe meiner Erfahrungen an andere einzusetzen.

Mit Wolfgang Gutberlet sprach
Andreas Maul,
freier Journalist, Fulda.


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