Exklusive Pressekonferenz zu „Agro-Gentechnik in den USA"

„Die Versprechen der Gentechnik haben sich nicht erfüllt. Gentechnik kann keine höheren Erträge und nicht die Ernährung der Weltbevölkerung sichern. Dieser Ansatz ist falsch. Denn: Es gibt noch ausreichend Lebensmittel auf der Erde, aber zu viele Menschen, die sich diese nicht leisten können“, leitet Troy Roush, Farmer aus Indiana (USA) und Vizepräsident der American Growers Association, die Diskussion anlässlich der gestrigen Pressekonferenz in der tegut… Zentrale im Fuldaer Eisweiher ein.

Vor- und Nachteile gentechnisch veränderter Organismen 

Zum Thema „Agro-Gentechnik in den USA: Fluch oder Segen?“ hat die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) e. V. eine bundesweite Rundreise gestartet, um die Bevölkerung über Vor- und Nachteile gentechnisch veränderter Organismen (GVO) zu informieren. Was ist dran an höheren Erträgen, weniger Pestiziden und geringeren Kosten? Diese Fragen standen gestern auch im Blickpunkt der exklusiven Veranstaltung im Hause tegut…, die einem Verbraucher-Infoabend in der Region voranging.
Seit in den Staaten gentechnisch veränderte Sojabohnen und Mais angebaut werden, seien die US-Bürger als Versuchskaninchen missbraucht worden, so der amerikanische Farmer. Roush: „Meine Erfahrung zeigt ebenso, dass durch das Aussäen von GVO-Pflanzen die Unkräuter auf den Feldern resistent werden und die Farmer nun zu stärkeren Pestiziden greifen müssen.“

Nach zweijährigem Klageverfahren des US-Konzerns Monsanto (einem einem der weltweit größten Saatgut-Züchter und Herbizid-Produzenten) gegen ihn, hatte er seinen konventionellen Sojaanbau auf GVO-Roundup-Ready-Soja umgestellt. Nach wenigen Jahren traten, wie bei zahlreichen anderen Farmen, erste Schwierigkeiten mit Roundup-resistenten Unkräutern auf. Inzwischen baut Troy Roush wieder vermehrt konventionelle Sojasorten an.

Saatgut zum Mieten

„Statt auf Gentechnik zu setzen, wäre es zielführender, die Zucht der Pflanzen zu verbessern“, bekräftigt Bill Freese, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für Nahrungsmittelsicherheit (Center for Food Safety – CFS – in Washington DC). Angefangen habe die besorgniserregende Entwicklung mit dem neuen Patentrecht in den USA, so Freese. „Seither können Farmer Saatgut nicht mehr kaufen, sondern nur noch mieten. Die früher übliche Praxis, einen Teil der Ernte für die Aussaat im nächsten Jahr zu verwenden, wird unter Androhung horrender Schadensersatzzahlungen von Monsanto verboten.“

Fakt ist: Heute bestimmen die Pestizidproduzenten auch den Saatgut-Markt. Bill Fresse kritisiert: „Es gibt keinerlei Studien. Die Zulassung von genmanipulierten Lebensmitteln in den USA ist sehr unzulänglich, wir haben lediglich ein Beratungssystem auf freiwilliger Basis.“ Sicher ist seiner Ansicht nach jedoch, dass durch GVO auch Giftstoffe über Pflanzen übertragen werden können und eine Rückumstellung der Felder auf konventionellen Anbau nicht ohne weiteres möglich ist.

Großteil der deutschen Verbraucher lehnt Gentechnik ab

„Über 70 Prozent der deutschen Verbraucher lehnen Gentechnik ab und legen größten Wert auf Wahlfreiheit. Unser Ziel ist es: Gentechnisch veränderte Lebensmittel müssen auch im tierischen Bereich gekennzeichnet werden“, betont Dr. Peter Hamel, Landwirt und Mitbegründer der „Zivilcourage Vogelsberg“. „Fakt ist: Wer die Macht über die Lebensmittel hat, hat auch die Macht über die Menschen. Wir dürfen die Fehler der Amerikaner nicht wiederholen.“

„Bisher gibt es in Deutschland kein Gesetz, dass eine Kennzeichnung gentechnisch veränderter Organismen in tierischen Lebensmittel vorschreibt“, erklärt Thomas Gutberlet, tegut… Vorstandsvorsitzender. Allerdings sei hier eine Positiv-Deklaration „Ohne Gentechnik“ möglich. „Dies praktizieren wir bei tegut… seit Jahren, beispielsweise bei unseren Eigenmarken.“

Durch die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ hätten Verbraucher die Wahlmöglichkeit und es helfe, das Bewusstsein in der Bevölkerung für dieses Thema zu schärfen. Es gelte, die kleinteilige Landwirtschaft in der Region zu bewahren und zu fördern. „Idealerweise mit Produkten, die auch in unsere Region gehören würden, wie z.B. auch Erbsen oder Bohnen. Da diese aber in Deutschland fast gar nicht mehr vermehrt und großflächig angebaut werden, reduzieren wir auch die Eiweißquellen unserer Nutztiere auf Mais und Soja, was zu den beschrieben Abhängigkeiten und Konsequenzen führt.“

„Kontrollen werden nicht grundsätzlich verhindern können, dass  gentechnisch veränderte Lebensmittel im Handel sind. Stattdessen müssen wir über die Motivation gehen und Aufklärung betreiben“, bekräftigt auch Andreas Swoboda, tegut… Geschäftsleiter Qualität und Umwelt.

Befragung unter Landwirten im Landkreis Fulda

„Im Landkreis Fulda haben etwa 50 Prozent aller großen Landwirtschaftsbetriebe bereits 2003 anlässlich einer Befragung eine freiwillige Selbstkontrolle unterzeichnet und sich verpflichtet, auf den Anbau von GVO-Pflanzen zu verzichten. Diese Befragung aktualisieren wir jetzt, diesmal unter allen Betrieben in der Region“, erklärt Dr. Hubert Beier, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes und Mitglied im Verein Natur- und Lebensraum Rhön.

Die vorläufigen Ergebnisse: „48,9 aller Landwirte haben zugesagt, keine Aussaat von gentechnisch verändertem Saatgut zu betreiben. Das umfasst rund 50 Prozent der Fläche im Kreis Fulda.“ Allerdings gelte diese Vereinbarung nur für das Saatgut, nicht jedoch für die Futtermittel. Hier seien noch gentechnisch veränderte Zugaben teilweise gängige Praxis. Im Vogelsbergkreis dagegen wirtschaften etwa 25 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe vollständig gentechnikfrei, berichtet Dr. Peter Hamel, Landwirt und Mitbegründer der „Zivilcourage Vogelsberg“.

Annemarie Volling von der AbL e. V., berät gentechnikfreie Unternehmen in Deutschland und nennt Zahlen: „Heute gibt es in Deutschland mehr als 200 gentechnikfreie Regionen, und über die Hälfte der Betriebe spricht sich ebenso für eine Fütterung ohne GVO aus. Es gibt also viel Gutes zu bewahren und zu verteidigen.“

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