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Weg mit dem Weihnachtsspeck?

Werner Bartens

Der Arzt und Medizinjournalist Werner Bartens hält nichts von Diäten, denen irgendwelche Wunder zugesprochen werden. Wer abnehmen will, muss weniger essen und sich mehr bewegen, sagt er. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, sollte sich allerdings zuvor ernsthaft fragen, ob das überhaupt nötig ist. Standardisierte Grenzwerte wie der Body-Mass-Index (BMI) sind nämlich ungeeignet, um das für einen ganz persönlich „richtige“ Gewicht zu ermitteln.

Herr Bartens, wann standen Sie zuletzt auf der Waage und dachten sich: Jetzt ist es Zeit für eine Diät?

Werner Bartens: Auf eine Waage stelle ich mich ab und zu nach dem Joggen – aber an eine Diät habe ich wirklich zeitlebens noch nicht gedacht...

...weil Sie immer schon ein Ideal- oder Normalgewicht hatten

Ich bin 1,98 Meter groß und war lange Zeit, gerade als Jugendlicher und junger Mann, sehr schlank. Allein wegen meiner Größe hatte ich vermutlich meist das Normal- oder sogar das Idealgewicht. Jetzt mit 48 Jahren liege ich formal im Bereich des leichten Übergewichts mit meinen 102 bis 104 Kilogramm, was aber vollkommen absurd ist, wenn man mich anschaut. Ich bin nicht zu dick. Das zeigt, wie ungesund niedrig diese Grenzwerte gezogen wurden.

Wieso ungesund niedrig?

Ich mache es an Beispielen deutlich: Ein etwa 1,80 Meter großer Mann ist mit 83 oder 84 Kilogramm nach den formalen Grenzwerten bereits leicht übergewichtig. Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn zum Beispiel wog am Ende seiner Karriere 93 Kilogramm bei einer Länge von 1,89 Metern – der galt laut Definition als übergewichtig. Das Gleiche gilt formal für die Klitschko-Brüder, an denen ja nun auch kein Gramm Fett ist, sondern eben viele Muskeln. Solche Grenzwerte können nicht gesund sein.

Demnach sind Formeln wie der Body-Mass-Index nicht sinnvoll??

Nun ja, sie entspringen dem Wunsch nach Vereinheitlichung. Die Wissenschaft will Menschen gerne in Formeln pressen. Body-Mass-Index klingt zudem ganz schick und wissenschaftlich. Mit solch einfachen Formeln lassen sich die Verschiedenheiten der Menschen aber nicht erfassen. Man weiß mittlerweile: Fitte Dicke sind gesünder als schlappe Schlanke. Wer laut BMI übergewichtig ist, kann eben auch sehr muskulös oder fit sein.

Kann, muss aber nicht. Gilt das denn für alle sogenannten Übergewichtigen?

Im Prinzip ja, wenn wir mal die krankhafte Fettleibigkeit ausklammern. Es gibt seit dem Jahr 2007 verschiedene Studien, in denen man sich angeguckt hat, wie groß und wie schwer Menschen sind, wie oft sie krank werden und wann sie sterben. Das Ergebnis war für viele überraschend: Die per BMI-Definition Übergewichtigen sind am seltensten krank und leben am längsten. Das liegt wohl daran, dass sie für den Fall einer Krankheit oder Operation Reserven haben...

Was denken Sie, woher der gesellschaftliche Druck kommt, schlank zu werden?

Das ist sicher auf den von der Industrie befeuerten Schlankheitswahn zurückzuführen, aber nicht nur. Ärzte warnen auch gern vor den Auswirkungen extremer Fettleibigkeit – und prophezeien jedem mit ein bisschen Speck an der Hüfte gleich die schlimmsten Dinge. Natürlich ist extremes Übergewicht ein Problem, es belastet das Herz und die Blutgefäße enorm. Man muss aber auch nicht den Bogen überspannen und die Rippen durchs Hemd zählen können.

Fortsetzung des Artikels aus dem marktplatz Februar 2015

Sie plädieren also statt Normal- oder Idealgewicht für ein Wohlfühlgewicht?

Unbedingt! Das hört man auch von vielen, die gerade eine Diät hinter sich haben und sagen, eigentlich hätten sie sich vorher wohler gefühlt. Zumal oft im Nachhinein dieser „wunderbare“ Jojo-Effekt eintritt und sie wenige Monate später alle mühsam abgehungerten Kilos wieder draufhaben. Mal abgesehen vom psychologisch eher problematischen Effekt, ist diese Gewichts-Achterbahnfahrt für unseren Körper eine enorme Belastung und sicher schädlicher als ein paar Kilos zu viel.

Was aber, wenn man sich selbst als zu dick empfindet und abnehmen will? Welche Diäten helfen?

Keine. Ich finde es geradezu belustigend, wenn in verschiedenen Zeitschriften Diäten nach Mondphasen oder Blutgruppen angepriesen werden. Wer behauptet, dass so etwa klappt, der veräppelt die Menschen, um es mal vornehm auszudrücken. Es gibt nur ein Rezept, das funktioniert: Entweder man isst weniger oder man bewegt sich mehr, am besten ist, beides gleichzeitig anzugehen. Man muss da gar nicht zum Ausdauersportler werden – oft hilft es schon, die Treppe statt den Aufzug zu nehmen.

Das Weglassen einzelner Nahrungsbestandteile wie Fett oder Kohlenhydrate hilft nicht?

Nein. Ich beschäftige mich als Arzt und Medizinautor seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema. Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass bei der Ernährungs- und Diätberatung vor allem die Ideologie eine Rolle spielt und nicht die harten wissenschaftlichen Fakten. Diese Studien, die da immer zitiert werden, die sind bei näherem Hinschauen ziemlich dünn.

Das hilft mir aber nicht weiter. Der Druck von außen bleibt ja, meine „überflüssigen“ Kilos abzuhungern…

Ja, das ist richtig. Es hat auch bei mir eine Weile gedauert, bis ich dahinter gekommen bin, dass diese ganzen Werte nicht so ernst zu nehmen sind. Hinter alledem steckt eine enorme Wucht, eine Ideologie an fachlicher Einseitigkeit. Man muss schon ein starkes Rückgrat haben, um sich dem entgegenzustellen. Ich für meinen Teil widersetze mich solchen Diät-Moden und ungesunden Trends wie Entschlackung und Entgiftung lieber mit Argumenten, als sie über mich ergehen zu lassen.

Das heißt, jeder soll essen so viel er will und was ihm schmeckt?

Ja und nein. Ich appelliere da an den gesunden Menschenverstand. Die meisten Menschen wissen sehr wohl, was und wie viel von etwas gut für sie ist. Man sollte auf seinen Körper hören. Es gibt aber leider Menschen, die genau das verlernt haben, auch wegen dieser ganzen Beeinflussung durch die Industrie. Wer morgens nichts hinunter bekommt, außer einen Kaffee, muss auch nichts frühstücken. Wer abends gern viel isst und tagsüber sehr wenig, sollte auch das weiterhin tun.

Es ist also letzten Endes alles nur Kopfsache?

Unbedingt. Wir leben in einer Welt des Überflusses. Fast jeder kann so viel essen, wie er will. Ausgerechnet bei uns gilt es dann als ein Zeichen von Disziplin und Leistungsbereitschaft, wenn man rank und schlank bleibt. Das ist vor allem eine soziale Frage: Man definiert sich heute viel mehr über seinen Körper, als noch vor 30 Jahren. Er ist ein Statussymbol geworden. Ob das alles wirklich gesund ist, interessiert dann gar nicht mehr, solange man behaupten kann, dass es gesund ist.

 

Mit Werner Bartens sprach Daniel Staffen-Quandt, Journalist, Bütthard.

Werner Bartens, geboren 1966 in Göttingen, ist Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung (SZ). Bartens hat Medizin, Geschichte und Germanistik an den Universitäten Gießen, Freiburg, Montpellier und Washington D.C. studiert. Seit 1997 ist der promovierte Mediziner als Buchautor, Übersetzer und Journalist tätig. Mehr über ihn gibt es auf seiner Homepage unter www.werner-bartens.de.

 

von Online-Redaktion

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