Warum reisen Menschen? 7 gute Gründe!

7 gute Gründe fürs Reisen

Klar, manchmal ist das Unterwegssein einfach nur Abwechslung vom Alltag. Ab und an sind Reisen aber auch sehr viel mehr, sind nicht nur eine Zeit zum Abschalten, sondern eher zum An- oder Umschalten.

Sieben gute Gründe zu reisen
Die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen und selbst nichts tun mu?ssen: Im Zug kommen uns durch den Mix von Schauwert und Passivität besonders gute Ideen. | Foto: iStock

Ich wusste: Ich muss hier raus, muss was anderes sehen. Ich muss in die Berge, um meine Gedanken besser zu ordnen. Und einfach mal meine Füße ins Meer halten, um mein Gleichgewicht wiederzufinden“, erzählt Barbara Horvatits-Ebner. Die 35-Jährige arbeitet als Psychologin in Graz und dieses Gefühl und diese Vorfreude, die sie da vor fünf Jahren gepackt haben, diese Ich-muss-hier-raus-Vehemenz, die war ihre Rettung: „Ich bin am Rande des Burn-outs entlanggeschlittert, war wirklich mit meinen Kräften am Ende.“

Barbara Horvatits Ebner Psychologin
Auf ihrem Blog „Reisepsycho“ schreibt die österreichische Psychologin Barbara Horvatits-Ebner u?ber das Abenteuer, neues Terrain zu entdecken.

Sie nahm sich eine Auszeit. Packte ihre Sachen. Und reiste los. Alleine, einerseits, und gleichzeitig mit einem äußerst prominenten Reisegefährten an der Seite: Johann Wolfgang von Goethe. Auf der Route seiner „Italienischen Reise“, die er von 1786 bis 1788 gemacht hatte, reiste nun Horvatits-Ebner zwei Monate lang durch Italien. Über den Brenner zum Gardasee, nach Verona, Venedig, Bologna, Rom, Neapel bis Sizilien und wieder zurück.

Im Nachhinein sagt sie: „Ich habe mit Goethe begonnen und zum Schluss mich selbst gefunden.“ Als Psychologin fragte sich Horvatits-Ebner selbst: „Warum gibt mir das Reisen eigentlich so viel? Was steckt dahinter?“ Sie suchte nach wissenschaftlichen Studien dazu, merkte jedoch: Reisen hat in der psychologischen Forschung lange kaum eine Rolle gespielt.

Dabei hatte schon Goethe 230 Jahre zuvor einer Freundin von seiner Italienreise geschrieben: „Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“ Ankommen, das tut man beim Reisen bestenfalls bei sich selbst.

Der Massentourismus mag keine hundert Jahre alt sein, Reisen als Selbstzweck aber kennt der Mensch schon länger. Bereits im antiken Rom erkundeten junge, wohlhabende Männer andere Länder, vor allem Griechenland; die Grand Tour durch Europa gehörte seit der Renaissance für Adelssprösslinge zum guten Ton.

 

Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen,

Einige Verhaltensforscherinnen und -forscher gehen sogar weit zurück in die Urzeit, sagen: Ohne Neugier, Wissensdurst und damit eben auch Reiselust hätte unsere Spezies Homo sapiens niemals die entlegensten Regionen der Erde erreicht. Von Hause aus seien wir alle nomadisch veranlagt. Seit wenigen Jahren nun entdeckt neben der Soziologie und der Freizeit- und Konsumforschung auch die Psychologie das Reisen und warum wir reisen als durchaus relevantes Thema.

Immerhin sind im letzten Vor-Corona-Jahr 2019 mit 1,5 Milliarden so viele Menschen ins Ausland gereist wie noch nie – etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung.

Wenn Menschen eine Reise machen, dann haben sie dafür durchaus gute Gründe. Das bestätigen mittlerweile diverse psychologische Studien:

1. Reisen gibt Energie zurück

Das Wort „Urlaub“ wurde schon vor über 1.000 Jahren verwendet, als „Entlassung aus der Pflicht“. Genau das schätzen wir an Urlaubsreisen noch heute. Wobei längst nicht alle nur beim Nichtstun Erholung finden: Ein Stadtbummel oder eine Wanderung kann die Serotoninproduktion ankurbeln; das wiederum regelt unser Stimmungsbarometer hoch.

2. Reisen ist sinnlich

Bei Routine schaltet unser Gehirn auf Autopilot, neue Eindrücke aber knipsen plötzlich alle Sinne an. Gerade auch Gerüche, Geräusche, Geschmäcker – in unserer zunehmend digitalen Welt oft vom Sehnerv übertrumpft – nehmen wir unterwegs oft viel intensiver wahr. Wir gehen voll und ganz im Moment auf.

Foto: Stocksy

3. Reisen bildet

Der Mensch ist auf lebenslanges Lernen programmiert. Wenige Erlebnisse geben unserem Gehirn einen so positiven Kick wie neues Wissen oder Bildungsreisen; egal ob das nun durch eine Kunstausstellung in Rom kommt oder durch den Kurs in einer Segelschule in Kiel.

4. Reisen schafft Abstand

An einem anderen Ort orientieren wir uns automatisch mehr nach außen. Wir kreisen weniger um uns selbst, grübeln nicht ständig. Das kann zermürbende Denkspiralen unterbrechen; im besten Fall hat Reisen eine antidepressive Wirkung.

5. Reisen ermöglicht neue Rollen

Wo uns niemand kennt, können wir auch mal jemand anderes sein. Oder zumindest eine Facette unserer Persönlichkeit ausprobieren, die im Alltag vielleicht zu kurz kommt.

6. Reisen ändert die Perspektive

Zu sehen, dass auch anderswo Menschen streiten oder Busse sich verspäten, relativiert viele Alltagsprobleme zu Hause. Und wirft gleichzeitig Selbstverständlichkeiten über den Haufen. Psychologinnen und Psychologen reden gerne von „Selbstaktualisierung“: Wer sich außerhalb vertrauter Muster bewegt, kann sein Leben leichter neu austarieren.

7. Reisen macht mutig

Klar gehen auf Reisen, vor allem auf Abenteuerreisen, auch gerne mal Dinge schief. Wer die Herausforderungen jedoch eigenständig gemeistert hat, erlebt einen ordentlichen Booster in Sachen Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen. Und kehrt heim mit dem Wissen: Egal was kommt, das kriege ich schon hin.

Als Goethe mit 37 per Postkutsche nach Italien fuhr, steckte auch er in einer Lebenskrise. Am Weimarer Hof hatte er zwar Karriere gemacht, fühlte sich aber gelangweilt und uninspiriert. „Bei mir war das Gegenteil der Fall“, erzählt Barbara Horvatits-Ebner. „Wenn man fast im Burn-out ist, ist man auf einem sehr hohen Erregungsniveau. Da kann man nicht einfach abschalten. Ich musste meine Energie auf etwas kanalisieren, was bereichernd und schön war. Das hat mir geholfen, Schritt für Schritt runterzufahren.“

Unterwegs am Wochenende: Mit Kindern im Wald kleine Abenteuer erleben

Wir müssen nicht weit wegfahren, um die Welt neu zu sehen. Weil aber ein klassischer Waldspaziergang für kleinere Kinder oft einfach nur öde ist, hier ein paar Ideen, die unkompliziert Laune machen:

QUERFELDEIN
Immer nur brav auf den ausgetretenen Wegen bleiben – das ermüdet die Kids schnell. Überlegen Sie sich stattdessen ein Ziel in der Nähe und versuchen Sie sich gemeinsam auf möglichst direkter Route durchs Gehölz zu schlagen – über Stämme balancieren und über Pfützen springen inklusive.

FÜHLEN STATT SEHEN
Wir sind es gewohnt, mit offenen Augen vorwärtszuschreiten. Was passiert, wenn wir auf den Sehsinn eine Weile verzichten? Lassen Sie sich von Ihren Kindern blind durch den Wald führen und entdecken Sie, wie anders sich alles anfühlt, dann wechseln Sie die Rollen. Alternative: Alle gehen für eine Weile rückwärts. Wer ist am schnellsten am Ziel?

Unterwegs mit Kindern Wald
Foto: Stocksy

DIE MAGISCHEN DREI
Die Waldgeister haben Ihnen Zeichen hinterlassen. Jedes Familienmitglied hält Ausschau nach drei Dingen, die besonders erscheinen. Alle versammeln sich an einem Platz, präsentieren ihre Symbole und erzählen eine kleine Geistergeschichte, in der die magischen Drei vorkommen.

EIN ASTZELT BAUEN
Auf einer geraden Fläche zwei dicke, etwa zwei Meter lange Äste gegeneinanderlehnen, dann zwei Äste gleicher Stärke und Länge seitlich dagegenlehnen. Dies sind die „Grundpfeiler“ für das Indianerzelt. Jetzt zusammen Äste vom Boden sammeln und rundherum an die Pfeiler lehnen, dabei eine Öffnung als Tür einplanen. Es dauert eine Weile, bis das Ganze als Tipi erkennbar ist. Wer möchte, kann es zum Schluss noch mit großen Moosstücken abdecken. Und dann heißt es: das Zelt feierlich einweihen!

Noch mehr Abenteuer und Outdoor-Rezepte stecken im Ratgeber „Ausgebüxt – Mikroabenteuer mit Kindern“, zusammengestellt von den reisebegeisterten Eltern Jana und Patrick Heck. Malik Verlag

Reisen als Selbsttherapie

Die Psychologin Christina Miro hat damit selbst gute Erfahrungen gemacht und bietet nun an, Menschen während ihrer Reisen psychologisch zu begleiten – per Onlinesitzung. „Das Reisen selbst löst ja keine Probleme“, weiß sie. „Wer sich einfach einen schönen Urlaub gönnt und unterwegs nicht an seinen Themen arbeitet, hat nur eine kurzzeitige Entlastung.“

Sie will dazu anregen, den Abstand zu nutzen. „Wer etwas ändern möchte, kann bei einem Ortswechsel ein neues Verhalten während der Reise ausprobieren und diese Erfahrung dann mit nach Hause nehmen. Das macht es deutlich leichter, neue Strategien in den Alltag zu integrieren.“

Um auf einer Reise zu sich selbst zu finden, empfiehlt sie, sich alleine auf den Weg zu machen. „Für viele ist das die erste große Hürde“, sagt Miro. „Aber es ist sehr hilfreich, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich gewissermaßen der Welt zu stellen. Was man dann erlebt, hat eine so starke und direkte Wirkung. Das ist ein unfassbar gutes und auch heilsames Gefühl.“

 

Foto: Stocksy

Nach der ersten Woche ihrer Reise, gesteht Barbara Horvatits-Ebner, sei sie kurz davor gewesen, abzubrechen. „Das Alleinsein hat mir mehr ausgemacht, als ich gedacht hätte. Für mich war das die größte Herausforderung.“ Dann tat sie sich im Hostel in Venedig mit einer Gruppe anderer Alleinreisender zusammen, zog mit ihnen abends um die Häuser, und als sie schließlich alleine weiterreiste, da habe sie gewusst: „Wenn ich Menschen brauche, dann werde ich sie auch finden.“

Warum Urlaub wichtig ist

Es waren Erfahrungen wie diese, die sie auf ihrer italienischen Reise Gelassenheit gelehrt haben. Die ihr dieses Grundvertrauen zurückgaben: Ich schaffe das. Ich nehme es, wie es kommt. Und wenn ich mal nicht im Plan bleibe und eine Station verpasse, dann lasse ich die halt aus. „Solche Dinge können einem andere hundertmal sagen. Aber man muss sie selbst erfahren und spüren. Und genau das ist ja das Schöne am Reisen: dass man alles erfährt und spürt.“

„Könnte es sein, dass Urlaub eine Art Verzweiflung am eigenen Alltag ist, als Belohnung verpackt?“, fragte der Historiker Valentin Groebner im Sommer 2020 in seinem Buch-Essay „Ferienmüde“ angesichts von Overtourism und ersten Corona-Reisebeschränkungen. Vielleicht hat er recht. Aber vielleicht ist genau das die wichtigste Erfahrung beim Reisen: eine Zeit lang am eigenen Alltag zu verzweifeln. Und dann zurückzukehren und diesen zu verändern. Wenigstens ein bisschen.

Flanieren mit offenen Augen

Historikerin Katrin Schultze-Naumburg
Foto: Historikerin Katrin Schultze-Naumburg

Die Historikerin Katrin Schultze-Naumburg bietet über ihre Webseite stadtflaneurin.de Münchnerinnen und Münchnern begleitete Spaziergänge durch ihre Metropole an. Eine gute Gelegenheit, sagt sie, neugierig auf die eigene Stadt zu schauen. Ihre Tipps fürs Flanieren:

VIEL ZEIT NEHMEN
Nicht zielgerichtet von A nach B gehen, sondern sich einfach mal treiben lassen.

SICH EINEN FOKUS SUCHEN
Manchmal hilft es, den Gedanken einen Anker zu geben, um unterwegs genauer hinzusehen. Etwa gezielt nach Straßenlampen oder Briefkästen Ausschau halten. Oder genau nachspüren, auf welchem Platz gerade welche Stimmung herrscht.

IN EINZELNE EPOCHEN EINTAUCHEN
Wie viel Mittelalter steckt in meiner Stadt? Oder wie viel Renaissance? Wer gezielt Zeugnisse einer bestimmten Epoche abläuft, kommt über diese Orte oft zu spannenden neuen Fragen.

DIE GESCHICHTE RECHERCHIEREN
Auf Straßennamen achten! Dann kann man ruhig mal auf dem Handy schauen, warum eine Straße so heißt – oft verbergen sich hinter den Namen Erklärungen dafür, was hier früher einmal war.

Drei Fun Facts für Globetrotterinnen und Globetrotter 
Foto: Shutterstock

  1. Vor mehr als 100 Jahren bedeutete Unterwegssein noch etwas ganz anderes. 1897 riet ein Reiseführer ernsthaft zu folgender Packliste: für die Dame ein Täschchen für Handarbeit, eine Blumenpresse, ein Fläschchen Wein und ein Gebetbuch. Für den Herrn Banknotentasche, Bindfaden, Cognac, Kompass, Krawatten und Eispickel.
  2. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Koffer gerne mal die Ausmaße eines Schrankes; Filmdiva Marlene Dietrich nannte ihre Schrankkoffer deshalb auch „meine Elefanten“. Bis zu 80 Koffer und Hutschachteln nahm sie mit auf ihre Atlantiküberquerungen. Diese waren über und über mit Hotel- und Stadtaufklebern bedeckt – damals die Prestigesymbole der Weitgereisten.
  3. Als 1868 beim deutschen Generalpostamt gleich zwei Entwürfe für „Universal-Correspondenz- Karten“ eingehen, ist man dort entsetzt über die „unanständige Form der Mitteilung“. Erst zwei Jahre später wird die Urform der heutigen Postkarte hierzulande erlaubt, am ersten Tag werden allein in Berlin mehr als 45.000 Exemplare verkauft. Mitte der 1950er wurden allein in der BRD noch mehr als 900 Millionen Karten im Jahr verschickt, mittlerweile sind es in ganz Deutschland unter 200 Millionen 

Von Inka Schmeling