Kolumne von Ulrich Hoffmann über Bedienungsanleitungen

Verzweifeln leicht gemacht

Wir müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehen? Von wegen! Aufbau- und Bedienungsanleitungen tun so, als wäre alles ganz easy. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn dann noch die lieben Familienmitglieder herumstehen und alles besser wissen, ist es schnell aus mit der Freude über das neue Was auch-immer. Aber es geht auch anders!

Es gibt zwei Herangehensweisen an neue Herausforderungen wie den Aufbau eines Möbelstücks oder die Inbetriebnahme eines technischen Gerätes: die überlegte – und meine. Denn echte Männer brauchen keine Anleitungen. Oder anders gesagt: Wenn etwas nicht so konstruiert ist, dass sich sämtliche Details magisch von selbst erschließen, dann liegt der Fehler doch offensichtlich nicht bei mir.

Mit dieser Haltung bin ich nicht allein. Ich kenne keinen Mann, der zugeben würde, freiwillig ein Papier in Mikroschrift zu Rate zu ziehen. Eher kaufen wir ein Schweißgerät, um unsere Improvisation niet- und nagelfest zu machen. Die heimliche Hoffnung: Die Firmen mögen aus unserer kollektiven Bockigkeit irgendwann lernen und keine „innovativen“ Befestigungsmethoden mehr erfinden, sondern auf altbekannte (Schraube, Nagel, Mutter, Schneckenschraube) zurückgreifen. Reicht doch. Die Pyramiden wurden schließlich auch ohne irgendwelche Schnurzel errichtet, die in Öffnung 2 a einrasten müssen, leider aber auch in Deko-Löchlein 1 d passen – und sich daraus nicht mehr entfernen lassen. Das haben natürlich Frau und Kinder, die das Ganze mit wenig hilfreichen Kommentaren begleiten, alles vorher gewusst. Deswegen sind Aufbauten und Inbetriebnahmen bei mir ab jetzt grundsätzlich Alleingänge. Bei dem Dazwischengequatsche kann ja kein Mensch konzentriert arbeiten.

Illustration: Elise Vandeplancke

Also los! Die Sonne scheint, die Kartons für die neue Lounge-Insel pflastern den Rasen im Garten. Es kann ja schließlich nicht so schwer sein, aus ein paar Seitenteilen vier XXL-Sessel zu bauen. Schade nur, dass gefühlt 1000 Teile in den Kartons stecken. Sie haben mal zwei, mal drei oder vier Bohrlöcher. Eine ungerade Anzahl von ihnen ist auch nur halb so groß wie die anderen. Und von den meisten sind die Sticker mit den Bezeichnungen längst abgefallen. Schrauben gibt es in drei Längen und gefühlt 97 Dicken. Mein Elan sinkt, während der Rest der Familie still abwartend in der Nähe herumlungert.

Der gesichtswahrende Ausweg aus dem Schlamassel besteht darin, die Anleitung auf alle Fälle weiterhin unberührt zu lassen (zumal sie natürlich auch noch kindersicher eingeschweißt ist). Und lieber im kühlen Keller bei YouTube & Co. in rauen Mengen Aufbauanleitungsvideos anzuschauen, garniert mit Werbeclips für die neuesten Bierkreationen und Profi-Küchenmesser.

Der Algorithmus kennt seine Pappenheimer. Dass es im Zeitraffer wahnsinnig einfach aussieht, sogar eine ganze Küche selbst zu schreinern (erwähnte ich schon, dass ich vor dem Bildschirm kleben geblieben bin?), bestärkt mich nur darin, das Problem keinesfalls bei mir zu vermuten. Sondern mir den halb zusammengesteckten Gartensessel lieber für später aufzubewahren und jetzt sofort einen Satz Werkzeuge plus das in dem praktischen Download aufgelistete Material für unsere neue Küche zu besorgen. Zugegeben, zum Transport wird ein Hänger benötigt, aber so eine Anhängerkupplung ist ja schnell angeschweißt. Das nötige Gerät dafür ist immerhin seit dem letzten Aufbaudesaster vorhanden.

Und wäre es wirklich so viel besser, trotz Demütigung die Anleitung zur Hand zu nehmen? Die werden ja selten von mitdenkenden Wesen verfasst. Bei Rezepten ist mein Frustfavorit der Schlusssatz: „Dazu passen Baguette, ein grüner Salat, Brechbohnen, eine leichte Béchamelsauce und ein gut gekühlter Weißwein“ – dieser Hinweis hätte mir ungefähr fünf Absätze früher deutlich mehr geholfen. Doch jedes Kochrezept kann sich verstecken hinter den Highlights aus schlecht übersetzten Bedienungsanleitungen: „Wenn das Wetter kalt wird, wird die Pufferunterlage sich langsam puffen“, „Wenn man die Lampe nicht wechseln könnte, kann man mit dem Hersteller“, „Nicht auf das Gerät oder den Akku beißen oder daran saugen“, „Slippel A kaum abbieggen und verklappen in Gegenstippel B“.

Warum beginnen nicht mehr Anleitungen wie diese: „1. Auspack und freu!“ Geht doch. Danach dann leider wieder: „Aufbau und ärger.“ Aber das gehört wohl dazu. Möbel, die wir selbst zusammenschrauben, bedeuten uns später emotional mehr. Und wie stolz sind wir, eine simple Handyfunktion ohne Hinweise von der Familie selbst entdeckt zu haben! Okay, die kollektive Begeisterung ist bloß so mittel, wenn der Bausatz für das Hochbeet am Ende aussieht wie ein kaputter Liegestuhl. Und den Smartphone- gesteuerten Sonnenschirm sowie den neuen Mähroboter mit eingebautem Bluetooth-Komposter mussten gleich die Kids an den Start bringen.

Geschickter als ich hat es da eine Bekannte von uns angestellt, eine ältere Dame mit treuherzigem Augenaufschlag. Sie erwarb beim Discounter eine riesige Hollywoodschaukel. Auf die Frage, wer ihr den Dreisitzer denn nach Hause verfrachtet und aufgebaut hätte, lächelte sie nur milde und sagte: „Der Nachbar.“ Und ich wette, der fühlte sich noch nicht mal ausgenutzt: Auspack und freu.

 

Buchcover "Ausser Kontrolle" von Ulrich Hoffmann
ULRICH HOFFMANN ist nicht nur Autor, sondern auch Philosoph und Meditationslehrer. Beim Kampf mit den sperrigen Dingen des Alltags hilft ihm das aber meist u?berhaupt nicht. Dafu?r u?bt er sich in der Fähigkeit der Akzeptanz. Sein neues Buch „(Außer) Kontrolle“ (Mosaik Verlag) handelt davon, was wir beeinflussen können und was nicht – und wie wir lernen, damit umzugehen.

Von Ulrich Hoffmann